Faszination, Deutungsvielfalt und Verzweiflung
Hunderte Abiturienten folgten Klaus-Detlef Müllers Vortrag zu Kafkas "Proceß"
Besucherrekord
Seit Ilona Bräuninger das Kolping-Bildungszentrum leitet - seit 21 Jahren - hat noch keine Veranstaltung einen vergleichbaren Ansturm werlebt wie die Vorlesung des Tübinger Professors. „Meine Schüler schwärmen für ihn.“ „Meine mögen ihn überhaupt nicht.“ Diese Aussagen zweier Deutschlehrerinnen am Rande des Vortrags zu Franz Kafkas „Proceß“ gaben die Pole der Stimmungen im Publikum wieder. Zwischen beiden Extremen lagen heftiges Nachdenken, das Ringen um Verständnis, das Überprüfen von Thesen und am Schluss die Diskussion mit dem Referenten. Vor rund 400 vorwiegend jungen Menschen sprach der emeritierte Tübinger Literaturprofessor Klaus-Detlef Müller im Erdgeschoss des Heinrich-Fries-Hauses zu einem der schwierigsten, aber eben auch faszinierendsten Dichter des 20 Jahrhunderts, dessen Roman heuer zu den Deutsch-Abiturthemen zählt.
Nah am Text
Deshalb wählte Müller für seinen Deutungsansatz den für ihn einzigen angemessenen Zugang: Die streng hermeneutische – textgebundene - Analyse. „Das einzig Sichere ist der Text“, erklärte er. Nicht um dessen Entschlüsselung könne es gehen, sondern höchstens um den „Nachweis der Schlüssigkeit“. Bei all den Ungereimtheiten, die die Geschichte des Josef K. aneinander reiht, verflüchtige sich der erste Eindruck des Lesers, einen Kriminal- oder Justizroman vor sich zu haben, zusehends.
Warum der Prozess, um den es geht, unausweichlich stattfinden muss und von der Verhaftung am Anfang zur Hinrichtung am Ende des Romans führt, erklärt Müller aus der Tatsache, dass K. sich gleich zu Beginn auf seine Verhaftung einlässt. Die oft, aber nie erschöpfend interpretierte Türhüter-Legende, liefert diese Erklärung in der simplen Feststellung ihres Repräsentanten, des Kaplans: „Das Gericht will nichts von Dir. Es nimmt Dich auf, wenn Du kommst und es entlässt dich, wenn Du gehst.“
Willkür und Hörigkeit
Indem sich Josef K. also seine Verhaftung hinnimmt, die eines konkreten Vorwurfs und erst recht einer Schuld des Angeklagten entbehrt, setzt er die Maschinerie einer völlig willkürlichen Gerichtsbarkeit in Gang, allein aufgrund seiner Behauptung, er sein unschuldig. Dieser Gerichts-Maschinerie kann sich K. von da an weder entziehen noch verweigern. Sie treibt ihn, den gut situierten Bankangestellten, in den sozialen Abstieg. Ausführlich widmete sich Müller der ins Absurde gesteigerten Institutionalisierung des Gerichts, das aufgrund seiner Struktur und Arbeitsweise gar nicht urteilsfähig ist. Der einzig mögliche Umgang mit der herrschenden Gerichtsbarkeit ist die Unterwerfung.
Aussichtslos
Folgerichtig scheitern auch K.’s Versuche, sich Hilfe zu holen: Das Beispiel eines Leidensgenossen, der sich in einer Verschleppungstaktik aufreibt, spiegelt K. nicht nur die Ausweglosigkeit seiner eigenen Situation, sondern zeigt auch, wie erniedrigend die Abhängigkeit von vermeintlichen Helfern ist. K. lernt am Beispiel des Kaufmanns Block: “Das war kein Klient mehr, das war der Hund des Advokaten.“ Für K. gibt es, so Müller, nur den einen Ausweg: „K. muss sich selbst den Prozess machen – die schlimmste Form der Erniedrigung.“ Seine Deutung des Werks nannte Müller „einen Versuch neben vielen anderen.“ Alle Fragen wie etwa die nach der Rolle der Frauen oder der Religion im Roman riet er den Schülern, am Text abzugleichen: „Was immer man zu verstehen glaubt kann nur gelten, wenn die Unabänderlichkeit des Textes gilt.“
Schweiz als Wild-West-Bühne
Jürgen Schröder interpretierte Dürrenmatts "Beusch der alten Dame" neu und kurzweilig
Volles Haus
Die Melodie aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ ging fast unter im Gemurmel der gut 350 Besucher, die sich in die
Stadtbibliothek im K3 drängten, um den Vortrag des emeritierten Tübinger Literaturprofessors Jürgen Schröder zu hören. Seine Analyse des Bühnenstücks von Friedrich Dürrenmatt mit dem Titel „Requiem auf den Western“ zog vor allem Abiturienten an, die den „Besuch der alten Dame“ für die Deutsch-Prüfung im März vorbereiten. Nach einer Idee von Dr. Inka Knittel, Leiterin des Abendgymnasiums beim Kolping-Bildungswerk, und ihres Mannes, Dr. Anton Knittel, stellvertretender Pressesprecher der Stadt - bieten Stadtbibliothek, Kolping-Bildungszentrum und Katholische Erwachsenenbildung drei Vorträge zu den Abiturthemen an.
Western-Topos im Alpenland
Dass es Jürgen Schröder mit seiner neuen Lesart in erster Linie darum ging, die Struktur des Dramas offen zu legen, erklärte der Professor den Schüler zum Schluss – auch um zu vermeiden, dass Erst- und Zweitkorrektoren in der Region sich die Augen reiben, wenn sie Dürrenmatts Stück als Western-Analogie erklärt finden sollten.
Eigens für sein Heilbronner Publikum fasste Schröder seine noch nicht veröffentlichten, teils augenzwinkernd vorgetragenen Überlegungen zusammen, dass Dürrenmatts Werk Grundmuster eines Western-Topos aufgreift: Der Rächer kehrt an den Ort eines Verbrechens zurück.
Die Rächerin kehrt zurück
Beginnend mit der Entstehungsgeschichte entwickelte Schröder seine These. Schon seiner frühen Erzählung „Mondfinsternis“ hatte Dürrematt dieses Motiv zugrunde gelegt. „Der Besuch der alten Dame“ treibe es, „strotzend vor Unwahrscheinlichkeiten“ auf die Spitze: Claire Zachanassian, im schweizerischen Güllen geboren als Klara Wäscher, kehrt nach 45 Jahren in ihren Heimatort zurück und bietet der verarmten Gemeinde eine Milliarde, wenn ihr früherer Geliebter und Vater ihres ersten Kindes, Alfred Il, getötet wird. Die Rächerin ist zweifelhafte Retterin, ihr einstiger Geliebter wie auch das Dorf werden zu Opfern.
Zivilisation und Wildnis
Aus dem „entsetzlichen Heimatroman“, den Dürrenmatt ursprünglich schreiben wollte, macht er ein Theaterstück, das Schröder lieber als „entsetzliche Komödie“ denn als Tragikomödie klassifiziert. Wie der Autor den „Schrecken des Zweiten Weltkriegs in die Schweizer Heimatliteratur einbrechen lässt“, spiegelt für den Literaturwissenschaftler eindeutig Westernmotive: Die Geschichte nimmt ihren Anfang an einem Bahnhof, ganz wie in „Zwölf Uhr mittags“ aus dem Jahr 1952 oder im Kultfilm „Spiel mir das Lied vom Tod“. Claire tritt als skrupelloses Mannweib auf, stellt ihre Forderung und wartet siegessicher auf Vollzug. Das Warten auf den finalen Showdown gehört zu den Handlungskomponenten, die auch im Western das Ringen um Gerechtigkeit unterlegen. Wie die alte Dame die ganze Gemeinde aus der Fassung bringt - die Zivilisation in eine Wildnis verwandelt - spiegelt für Schröder den amerikanischen „Mythos der permanenten Erneuerung“, des ständigen Kampfes um Gut und Böse.
Miterleben
Diesen Kampf zwang Dürrenmatt nicht nur im Besuch der alten Dame seinem Heimatland auf. In der Konstruktion dieses Stücks führe er aber, so Schröder, konsequent seine Idee aus, den Leser eine Geschichte miterleben zu lassen: „Dürrenmatt will verstanden werden“, erklärte der Professor, bekräftigt durch das Zitat des Autors „Man bleibe bei meinen Einfällen und lasse den Tiefsinn fahren“. Dass die universellen Western-Topoi greifen, belegte er vor dem Heilbronner Publikum mit Parallelen in der Entwicklung der Charaktere oder der Handlung bis hin zu Vergleichen der Schnitttechnik im Film mit den Szenenwechseln in dem Dreiakter. Nicht zuletzt stützten zwei Belege aus der Geschichte des Westerns Schröders Lektüre. ag
Besonderes Arbeitsumfeld reizt neue Schulleiterin
Inka Knittel ist Nachfolgerin von Studiendirektor Norbert Wacker, der elf Jahre lang das Abendgymnasium am Kolping-Bildungszentrum leitete.
Schule und Wissenschaft
Die 43-Jährige Literaturwissenschaftlerin lebt seit elf Jahren in Flein. Neben ihrer wissenschaftlichen und publizistischen Tätigkeit hat sie in den zurückliegenden Jahren Deutsch in Berufskollegs und Gymnasien unterrichtet und unter anderem ein privates Gymnasium aufgebaut. Aktuell hat sie ihre Promotion beendet und wird weiter das Fach Deutsch für die gymnasiale Oberstufe unterrichten, auch am Sozialwissenschaftlichen Gymnasium des Kolping-Bildungszentrums. „Das Unterrichten und der Umgang mit Schülern machen mir Freude“, sagt die gebürtige Bremerin und dreifache Mutter, „das ist der ideale Ausgleich zum wissenschaftlichen Arbeiten."
Beste Wahl
Das Kolping-Bildungszentrum kennt sie seit Jahren, ebenso wie Norbert Wacker, den sie in der Vergangenheit regelmäßig bei Sprengelsitzungen der Schulleiter traf. Das Bildungszentrum gibt mit der Verpflichtung Knittels die bisher in Verwaltungs- und pädagogische Leitung gesplittete Führung des Abendgymnasiums in eine Hand. „Wir brauchen für das Abendgymnasium eine Leitung mit viel Fingespitzengefühl“, weiß Institutsleiterin Ilona Bräuninger. „Inka Knittel ist die beste Wahl“, ist sie sicher, die optimale Entscheidung für das Heilbronner Abendgymnasium getroffen zu haben.
Herausforderung Zweiter Bildungsweg
Am Abendgymnasium wird Knittel Ansprechpartnerin für rund 160 Schüler sein, die in acht Klassen unterrichtet werden. Zunächst will sie sich ganz darauf konzentrieren, diese und das Kollegium kennenzulernen. Sie freut sich auf die Arbeit mit Erwachsenen, die sich für den Zweiten Bildungsweg entscheiden. Gerade weil sich das Arbeitsumfeld sehr von dem an Tagesgymnasien unterscheidet, ist sie gespannt auf die Herausforderungen, die auf sie warten.
Norbert Wacker verlässt das Abendgymnasium
"Hier stimmen Rahmenbedingungen und Atmosphäre" - so beschreiben die Akteure - Schüler, Lehrer und Institutsleitung - warum das Abendgymnasium ein Erfolgsmodell ist.
Überzeugt
Nicht nur Schüler verpflichten sich, zum Teil über vier Jahre, die Schulbank am Abendgymnasium zu drücken. Auch die Lehrer, die ihre Schützlinge auf dem Zweiten Bildungsweg zum Abitur führen, tun dies aus freien Stücken, die Mehrzahl als überzeugte Mitarbeiter über mehr als zehn Jahre. Das nahe liegende Warum beantworteten Kolping-Bildungszentrum-Leiterin Ilona Bräuninger und Deutschlehrerin Ursel Prinzing-Hanslowski übereinstimmend: „Weil die Atmosphäre stimmt“.
Halber Abschied
Derjenige, der dies elf Jahre lang gewährleistete, ist Schulleiter Norbert Wacker. Zum Ende des Schuljahres 2010/11 gibt er diese Funktion auf, bleibt aber dem Bildungszentrum als Schulleiter des Sozialwissenschaftlichen Gymnasiums erhalten. Ein halber Abschied also, den der Bildungsträger im Rahmen des Symposiums am Abendgymnasium zum Anlass nahm, Wackers Verdienste zu würdigen.
Menschlich
Ein zählbarer Erfolg sind die Schülerzahlen, die sich in den vergangenen elf Jahren mehr als verdoppelt haben. Bedeutender schätzten die Rednerinnen aber die fachlichen und menschlichen Qualitäten des Führungsteams Norbert Wacker und Verwaltungsleiterin Anja Biller ein, die mit ihm das Abendgymnasium verlässt.
Würdiger Lernort
„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“. Dieses Aristoteles-Wort beschreibe treffend, wie das Abendgymnasium funktioniere. Nicht als Lernfabrik, sondern als Lernort, an dem Schüler und Lehrer in ihrer individuellen Lebenssituation gewürdigt werden. An dem neben dem Abiturwissen auch die persönliche Bildung der Schüler eine Rolle spiele. An dem trotz der immer knapp bemessenen Zeit mit Theaterbesuchen oder Symposien eine Anbindung an das kulturelle Leben der Stadt gelänge. An dem die Kooperation mit dem Regierungspräsidium vorbildlich und die Einführung des neuen Abiturs gut gelungen sei. Und ein Ort, an dem Integration stattfinde. So erinnerte Prinzing-Hanslowsky an die Freundschaft eines serbischen und eines bosnischen Schülers, die sich zur Zeit des Bosnienkrieges entwickelte.
Fügung
Dass sich Wacker und Biller als Führungsteam fanden, ist für Bräuninger bis heute „eine Fügung, die Schulmanagement und –verwaltung ideal verband“. Mit einem Ginkgobaum, der Beständigkeit symbolisiere, wünschte Bräuninger dem 65-Jährigen viele weitere aktive Jahre. Wackers Schüler, die sich in der Theater-AG unter der Leitung von Ute Metzger engagieren, hatten für Wacker und die Symposium-Gäste eine Abschlussklausur vorbereitet, in der es pantomimisch umgesetzte Begriffe zu raten galt.
Zwei ungewöhnliche Deutsche, verbunden mit Heilbronn
Beim siebten Symposium am Abendgymnasium des Kolping-Bildungszentrum sprach Prof. Dr. Christhard Schrenk über Theodor Heuss und Elly Heuss-Knapp.
Heuss-Experte
Der Name Christhard Schrenk ist seit Jahren nicht nur mit dem Heilbronner Stadtarchiv verbunden, das er leitet, sondern auch mit dem ersten Bundespräsidenten nach dem Krieg, Theodor Heuss. Als Heuss-Experte stellte Schrenk jetzt beim Symposium des Abendgymnasiums im Kolping-Bildungszentrum Theodor Heuss’ Wirken in Zusammenhang zu dessen Ehefrau Elly Heuss-Knapp. Die „Gedanken über zwei ungewöhnliche Deutsche“ legten offen, wie die tiefe Verbindung des Paares die Arbeit und das Wirken des „würdigen Staatsmanns Heuss“, aber auch seiner Frau Elly, beeinflusste.
Kulturmensch und Staatsmann
Unter den rund 120 Zuhörern in den Räumen des Bildungszentrums im Klosterhof waren nicht nur zahlreiche Abendgymnasiasten, sondern auch Heuss-Fans, die zum Teil in persönlicher Beziehung zu dem Ehepaar standen. Schrenk selbst als Heuss-Kenner zeichnete denn auch ein persönliches, durch Anekdoten, Bild- und Tonbeiträge lebendiges Bild der beiden: Das Bild des Kulturmenschen und Staatsmanns Theodor Heuss, der, ein Leben lang schreibend, publizierend und lehrend, den Deutschen nach dem Krieg eine neue Identität gab. Der schon zu Zeiten des Aufstands des 17. Juni in der DDR 1953 im nationalen Demokratieverständnis die Grundlage für die deutsche und europäische Einheit sah. Der Volksnähe lebte, aber seinen in der Region geläufigen Beinamen Papa Heuss nicht mochte. Und der der Rolle des Bundespräsidenten einen bis heute erhaltenen, eignen politischen Spielraum gab.
Bodenständig
Wie Elly Heuss Knapp, mit der er seit 1809 verheiratet war, Theodor Heuss in entscheidenden Lebensphasen stützte, beschrieb Schrenk mit simplen, aber anrührenden Beispielen: Ellys Tatkraft erleichterte der Großstädterin den Umzug „von der Reichshauptstadt in die Provinz“. Als kreative, rührige Werbetexterin verdiente sie den Familienunterhalt, als ihr Mann in den Kriegsjahren als Autor des Buches „Hitlers Weg“ sein Reichstagsmandat zurückgeben musste und nicht mehr als politischer Redakteur arbeiten durfte. In einer Radio-Werbung Elly’s für Nivea-Creme erkannten Schrenks Zuhörer Hess selbst als Sprecher.
Ihr Gespür für werbliche und öffentlichkeitswirksame Auftritte wusste Elly Heuss-Knapp auch zu nutzen, als sie das Müttergenesungswerk begründete. Da, so erklärte Schrenk, gab sie sich im öffentlichen Bewusstsein eine Rolle, die Deutschland so vorher nicht gekannt hatte – die der First Lady.
Menschlich
Die gleichberechtigte, partnerschaftliche Verbindung der Eheleute, die ihrer beider Erfolge ein Leben lang trug, ließ Schrenk Heuss selbst beschreiben mit einem Gedicht, das er seiner Frau 1951 zu deren 70. Geburtstag widmete. Die humorige Seite des gebürtigen Brackenheimers brachte Schrenk mit einer Anekdote auf den Punkt: Bei einem offiziellen Empfang umging der Weinfreund die Etikette mit der Äußerung: “Der Herr Bundespräsident geht jetzt, aber der Heuss bleibt noch hocken.“
Gerüstet für den Traumjob
Hauptschule, Lehre, Abend-
gymnasium: Jetzt hat Andreas Brose das Abitur in der Tasche
Abifeier mit 24
Acht Jahre nach seinem Hauptschulabschluss, mit reifen 24 Jahren, nimmt Andreas Brose sein Reifezeugnis entgegen. Reden, Sekt, Gäste bei der feierlichen Verabschiedung des Jahrgangs 2011: Dass er selbst einmal im Mittelpunkt einer solchen Szenerie stehen würde, hatte der Lauffener sich lange nicht vorstellen können.
Nicht berufen
Damals schien alles vorgezeichnet: Hauptschulabschluss nach der neunten Klasse, direkt danach die kaufmännische Ausbildung. Doch schon zu Beginn seiner Lehrjahre habe er gemerkt, „dass das nicht mein Beruf ist“, erinnert sich Brose. Ein ganzes Arbeitsleben lang Buchhaltung, Auftragsbearbeitung und Rechnungen schreiben, konnte er sich nicht vorstellen. Trotzdem hat er seine Lehre beendet. Die Sicherheit, Geld verdienen zu können, ist ihm immer noch wichtig.
Südwärts
Aber seinem Ausbildungsbetrieb kehrte Brose schnell den Rücken, den Blick südwärts gewandt: Um Klarheit über seinen weiteren Weg zu gewinnen, bewarb er sich für einen Freiwilligendienst im Ausland und wurde in Griechenland fündig. „Mit meinem Hauptschulenglisch habe ich massig Bewerbungen verschickt und bin auf der ostgriechischen Insel Chios gelandet“, lacht er. „Dort habe ich Englisch gelernt“, die Projektsprache in der Nachhilfeschule für 9 bis 14-Jährige. Viele Studenten mit großen Plänen waren unter seinen Kollegen auf Zeit. Trotzdem erfüllte sich Andreas Broses Hoffnung auf neue Impulse für seinen Traumberuf nicht. „Aber ich habe mich verändert“, sagt er. Fernab der Heimat reifte in ihm der Entschluss, sich das breiteste Zukunftsspektrum zu eröffnen, das er sich vorstellen konnte – und das Abitur zu machen.
Soft-Start
Im Internet stieß er auf das Abendgymnasium, das das Kolping-Bildungszentrum in Heilbronn betreibt. Wieder zuhause, machte er sich auf den vier Jahre dauernden Weg zur allgemeinen Hochschulreife. Auf supergescheite Mitschüler, anstrengende Unterrichtsabende und heftige Konkurrenz gefasst, erlebte er das Vorbereitungsjahr als „sanften Einstieg“ ins zweite Schulleben. Seine Erfahrung: „Wenn man sich bemüht, kann man es schaffen“.
"Schön und anstrengend"
Obwohl viele Mitschüler aus der Anfangszeit wieder absprangen, biss sich Andreas Brose durch. Tagsüber arbeitete er, mal in einem Rucksackgroßhandel, mal in einem großen Verlagshaus, mal bei einem Raumausstatter. Hochachtung hat er vor seinen Klassenkameraden, die nach einem Vollzeitjob abends um fünf nahtlos auf die Schulbank wechselten, vier Tage die Woche, manche nur zwei, andere wie er selbst vier Jahre lang. Ein „sehr kollegiales Miteinander“ hält er dem Abendgymnasium zugute, und dass sehr engagierte Lehrer einem Mut machen, weiterzugehen. „Schön und anstrengend“, fasst Brose zusammen, wie er das Abendgymnasium erlebt hat. Sein Traumberuf zeichnet sich noch immer nicht klar ab, Electronic Business könnte er sich als Studienrichtung vorstellen. Nach der Abschlussfeier „schlage ich erst mal die Zeitung auf und suche nach interessanten Stellen.“ Vielleicht wartet da der Traumjob.
Nach Feierabend das Abitur im Blick
Seit über 20 Jahren ist das Abendgymnasium des Kolping-Bildungszentrums eine feste Größe in Heilbronner Bildungslandschaft
Erste Klasse: 23 Schüler
Ilona Bräuninger blättert in den Unterlagen aus dem Jahr 1990 und schmunzelt: „Damals hatten wir noch nicht einmal einen Kopierer“. Briefwechsel mit Kultusministerium, Oberschulamt und Stadt dokumentieren die Anfänge des Abendgymnasiums in Heilbronn. Vor 20 Jahren startete die erste Klasse mit 23 Schülern. In den vergangenen zehn Jahren haben hier 157 Abiturienten ihren Abschluss gemacht, 65 erreichten die Fachhochschulreife.
Neugründung 1990
Unterrichtet wurde anfangs in der Sülmermühlstraße. 160 Interessenten bewiesen Ilona Bräuninger, der Leiterin des Bildungszentrums, dass es in Heilbronn einen Bedarf gab. An den Gymnasien im Land markierte die Oberstufenreform einen Umbruch. Das damals ans Robert-Mayer-Gymnasium angegliederte Kolping-Kolleg war gefährdet. Statt das Kolleg aufzulösen, wagte Bräuninger die Neugründung. Nach den Sommerferien kamen die Schüler montags bis donnerstags um 17 Uhr zum Unterricht. Schulleiterin Ingrid Skala musste manche Neuankömmlinge beruhigen: Wenn im Klassenzimmer der Boden vibrierte, drohte kein Erdbeben, sondern im Fitness-Studio nebenan wurde trainiert.
Gründerfleiß
Sechs weitere staatlich anerkannte Schulen hat das Bildungszentrum in Heilbronn mittlerweile gegründet. Seit 2004 hat es seinen Hauptsitz im historischen Bahnhof. Dort kommen ab September 160 Schüler an vier Tagen die Woche je sechs Stunden zum Unterricht.
Die Ära Wacker
Nur ein Jahr blieb Armin Süßenbach, der heute am Robert-Mayer-Gymnasium unterrichtet, Ingrid Skalas Nachfolger, dann wechselte er auf eine Vollzeitstelle. Innerhalb eines Wochenendes entschied sich Studiendirektor Norbert Wacker, Mathematik-, Physik- und Informatiklehrer am Theodor-Heuss-Gymnasium, die Schulleiterstelle am Abendgymnasium anzunehmen.
Bedingungen schwieriger
Lehrerstunden einteilen, Abiturprüfungen planen und die EDV für Organisationsaufgaben nutzen – das alles hatte Wacker am THG bereits in der Hand. Als Computer-Freak richtet der heute 64-Jährigen in den Ferien Schüler-Laptops ein. Nach 37 Jahren am THG macht der gebürtige Heidelberger die Besonderheit des Abendgymnasiums in den persönlichen Beziehungen zu den erwachsenen Schülern aus. Hochzeiten und Scheidungen hat er miterlebt, die junge Mutter, die während der Abiturprüfung beim Stillen beaufsichtigt werden musste, die 68-jährige Absolventin. Was sich verändert hat? „Die Leute müssen im Beruf flexibler sein, familiäre Bedingungen werden schwieriger“.
Durchgängig
Dennoch muss das Abendgymnasium in die Heilbronner Bildungslandschaft verankert bleiben, findet Ilona Bräuninger: “Es ist der einzige Weg, der durchgängig auch Hauptschulabgängern den Zugang zum Abitur ermöglicht.“
Info: Immer im Februar ist der Einstieg ins Abendgymnasium zum Halbjahr möglich. Unter 07131 88864-0 vermitteln wir Beratungsgespräche.

























